Pferdesprache Teil 1  - Das Kauen


 

Leerkauen ist eine so feine Verhaltensweise, deren Veränderungen physiologisch nicht ohne Weiteres nachweisbar sind, die aber in der Interpretation von Befindlichkeiten bei Pferden weiterhelfen kann. - Marion Wickert

In dieser Reihe möchte ich Euch Verhaltensweisen der Pferde erklären, damit Ihr diese besser verstehen und deuten könnt.
Pferde kommunizieren untereinander visuell, d.h. über Körpersprache.

 

Kommunikation durch Lautäußerung, wie Wiehern erfolgt verhältnismäßig selten.

In diesem ersten Teil geht es um das Leerkauen, auch Abkauen genannt. Neben dem Kauen kann es auch sein, dass das Pferd sich die Lippen leckt oder mit der Zunge schleckt.
Kaut das Pferd entspannt ab, ist der Kopf meist leicht gesenkt, die Lippen leicht geöffnet und die Zähne und oder Zunge sichtbar, eine horizontale Kaubewegung ist erkennbar. Durch diese Aktivierung der am Kauvorgang beteiligen Muskeln lockert sich das Genick.
In der Reiterei ist dieses Kauen erwünscht und wird als Zeichen der Losgelassenheit gewertet, Übung: “Zügel aus der Hand kauen lassen”.
Vermehrtes Kauen, ohne Zungeschlecken und oder Entspannungshaltung, kann jedoch auch eine Reaktion auf Stress sein.

 


 Wann kauen Pferde ab?

1. Übergang von Anspannung zu Entspannung
Leerkauen wird bei Pferden meist in Situationen beobachtet, in denen Spannung abgebaut wird und Entspannung eintritt.
D.h. wenn beispielsweise eine Frage, die vom Menschen gestellt wird (eine Aufgabe / Lektion), vom Pferd verstanden und korrekt beantwortet wird und das Fragen (Druck) entfällt. Oder auch, wenn es die Frage zunächst falsch beantwortet, korrigiert oder noch einmal gefragt wird, also wenn es nachdenkt.
Ich sage immer der “Aha-Moment”. Pferd sagt “Ahh, verstehe! Das soll ich machen (oder lassen).”
Wichtig: nur, weil ein Pferd nicht oder nur kurz abkaut, heißt das nicht, dass es eine Übung nicht verstanden hat. Es ist sehr individuell und nicht zu pauschalisieren.
Beispiel:
Das Pferd soll lernen, dass es beim Führen zeitgleich mit dem führenden Menschen stehen bleiben soll und nicht erst einige Schritte später.
Der Mensch befindet sich hierbei mit seiner äußeren Schulter parallel zur inneren Schulter des Pferdes.
Die ersten Male, als der Mensch stehen bleibt, geht das Pferd weiter und darauf folgt eine Korrektur. Der Mensch richtet das Pferd rückwärts, bis es auf der richtigen Höhe (wieder Schulter parallel zu Schulter) steht.
Nun wird das Pferd kauen, wenn es sich entspannt hat und zu verstehen beginnt, was von ihm gewünscht wird.

2. Nervöses Kauen
Nervöses Kauen äußert sich meist bei Pferden, die Angst haben, überfordert sind oder Schmerzen haben. Oft wird hierbei der Unterkiefer stark auf den Oberkiefer gedrückt, sodass das Aufschlagen der Zähne aufeinander hörbar ist.
Gründe können unpassendes Zubehör und Stresssituationen durch konditionierte Druck- und oder Zwangsmaßnahmen im Training sein.
Durch dieses nervöse Kauen wird versucht, Stress abzubauen oder aber es ist bereits eine manifestierte Zwangsstörung.
Beispiel:
Ein Pferd wird über einen langen Zeitraum mit einem unpassenden Gebiss und zu unruhiger Reiterhand geritten. Es empfindet Schmerz und wird nervös, möchte dem Druck entgegen. Es fängt an, nervös zu kauen.
Nun bekommt es ein passendes Gebiss und einen ruhigen Reiter, doch es verbindet die Kombination aus Gebiss und Reiter immer noch automatisch mit Zwang und Schmerz und beginnt nervös zu kauen, wie zuvor.

3. Beschwichtigendes Kauen
Besonders Fohlen und Jungpferde kauen, meist mit weiter geöffnetem Maul, beschwichtigend gegenüber älteren und ranghöheren Pferden.
Manche Pferde zeigen dieses Verhalten in Stresssituationen auch dem Menschen gegenüber.
Beispiel:
Das Pferd wird z.B. in einem Join Up mit zu viel Druck und Hektik regelrecht gescheucht
Als der Mensch seine Gestikulation stoppt, pariert das Pferd durch und kaut stark, der Kopf ist dabei nicht in Entspannungshaltung und die Ohren sind zum Menschen gerichtet, es sagt: - “Ist ja schon gut, ich will keinen Ärger. Bitte tu mir nichts.”.
Hier ist es wichtig, zwischen entspanntem Kauen, was auf ein Verstehen oder Nachdenken hindeutet, und einem beschwichtigendem, unentspanntem Kauen zu unterscheiden.
Ist das Pferd gerade nur devot oder motiviert?

 


Umgang mit dem Kauen


Helft Eurem Pferd, Euch zu verstehen.
Fragt bestimmt, aber sanft. Gebt dem Pferd die Möglichkeit, selbst auf die Antwort zu Eurer Frage zu kommen und wiederholt Euch lieber einmal mehr, als der Frage mehr Nachdruck zu verleihen. So erhaltet Ihr die Motivation aufrecht und Euer Pferd wird schneller abkauen.
Bis das Pferd nach Verstehen (“Ah, das soll ich machen!”) oder Nachdenken (“Hm, was will sie von mir?”) kaut, können bis zu acht Sekunden vergehen (s. Studien aus der Inaugural-Dissertation von M. Wickert).
Also ganz wichtig: unabhängig davon, ob etwas funktioniert hat oder nicht, lasst Eurem Pferd Zeit zum Nachdenken. Das Kauen kann bis zu zehn Sekunden andauern, auch das unbedingt abwarten, ehe Ihr mit dem Training fortfahrt.

Kaut Euer Pferd übermäßig oft, lange oder nervös in bestimmten Situationen, checkt den Gesundheitszustand ab, überprüft das Zubehör auf Passgenauigkeit und schließt psychischen Stress aus. Habt Ihr ein Pferd, was schlechte Erfahrungen machen musste oder sich immer eingeschüchtert unterwürfig zeigt und demotiviert, schaltet einen Gang zurück, das wirkt meist Wunder. Fordert nicht zu viel zu schnell, baut viele Pausen(tage) ins Training ein und lobt ausreichend.

Wenn man einmal weiß, was dieses Leerkauen bedeutet, ist es erstaunlich, wie oft und in welchen Situationen man es beobachtet.

 

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