Toleranz


„Der sieht sehr dünn aus, Du hast bestimmt das falsche Futter!“
„Der läuft aber schlecht, ich würde sofort den Tierarzt rufen!“
„Dein Sattel passt aber auch nicht, ne…“
„Wieso reitest Du mit Gebiss, das ist Tierquälerei!“
„Der trägt ja eine Decke! Der Arme…“
„Der steht ja in einer Box, wie schrecklich!“
„Longier mal mit Ausbindern, da muss mal der Kopf runter!“
„Was soll denn diese Bodenarbeit bringen? Der muss mal richtig geritten werden!“
„Puh, die Hufe sahen aber auch mal besser aus. Ich geb Dir mal die Nummer von meinem Schmied, der ist der Beste!“

Wer kennt diese Stimmen von Stallkollegen oder gar aus Facebook-Gruppen nicht?
Leider wird sich oft eingemischt und andere glauben, über das eigene Pferd besser Bescheid zu wissen, als man selbst.
Würde ich jedes mal meine Meinung Kund tun, wenn ich etwas sehe, was mir missfällt, mein Mund stünde nicht mehr still. Aber ich finde, es hat auch etwas mit Respekt dem anderen gegenüber und mit eigener Zufriedenheit zu tun, wie sehr ich mich für das Leben anderer interessiere oder sogar einmische.

„Toleranz ist immer eine Frage der inneren Selbstbefreiung.“ - Johann Gottfried Herder

Ich decke mein Pferd auch nicht ein, aber wenn es nicht gerade sommerliche Temperaturen sind und das Pferd dabei topfit, dann muss doch jeder für sich selbst entscheiden und ich halte mich raus.
So bin ich z.B. absoluter Offenstall-Fan. Und doch steht Ramiro im Winter in einer Paddockbox. Könnte ich mir auch anders vorstellen, geht bei seinen Diagnosen aber aktuell einfach nicht anders. Jeder hat seine Gründe für sein Handeln.

Ich denke, die meisten Pferdebesitzer wünschen sich immer nur das Beste für ihr Pferd und handeln nach ihrem eigenen persönlichen Ermessen im Sinne ihres Pferdes.
Dass das nicht immer mit der Einstellung der Stallkollegen einhergeht, ist absolut klar und okay so.
Was nicht bedeutet, dass man immer die Augen verschließen muss und nichts sagen darf.
Aber man sollte sich doch vorher erstmal in die Situation desjenigen versetzen, den man kritisieren möchte und reflektieren, was für Gründe ihn zu seinen Entscheidungen bewegt haben könnten.
Ich freue mich sehr über kompetente, konstruktive Kritik oder Anregungen, ehrlich. Aber wann kommt diese tatsächlich mal? Entweder es wird hinter dem Rücken getratscht oder es ertönen altkluge Ratschläge, die weder angebracht, noch realitätsnah sind.
Und wenn man dann mal gut gemeinte, konstruktive Kritik anbringen möchte, ist man gleich der Buh-Mann, weil alle nur unqualifizierte Kommentare gewohnt sind und sich angegriffen fühlen.

Alice wird nächstes Jahr sechs und ich plane sie nicht zu reiten, bevor sie sieben wird. Wenn ich das erzähle ernte ich nur entsetzte Blicke und es wird gefragt, ob sie krank sei... Und ein Pferd müsse ja geritten werden.
Dazu durfte ich mir schon oft anhören, wieso ich Ramiro nicht einschläfern lasse. Er würde leiden und kein schönes Pferdeleben mehr führen.
Ich opfere seit drei Jahren alles für dieses Pferd. Zeit, Nerven und sehr viel Geld. Und ja, auch mir kommen immer wieder Gedanken und Zweifel, weil ich stets alles daran setze, seine Situation weiterhin zu verbessern. Das ist okay und normal. Aber es ist nicht okay, sich in diese Angelegenheiten ungefragt einzumischen.
Ich korrigiere auch nicht jeden Reiter, den ich sehe (obwohl ich mich da manches Mal sehr zurückhalten muss).
Gerne helfe ich bei Fragen, merke vielleicht mal etwas höflich und freundlich an, wenn eine Gefahrensituation oder offensichtliche Überforderung erkennbar ist. Aber ist dem nicht der Fall, dann behalte ich meine Meinung für mich und verwende meine Energie für wichtigere Dinge.

Wenn ich meine, mein Pferd braucht eine Box, dann braucht es eine Box. Und wenn ich meine, mein Pferd braucht eine Decke, dann braucht es eine Decke. Und wenn ich gerne nur noch rückwärts auf meinem Pferd reiten will, dann mache ich das so.
Wir können andere nicht ändern und wir können auch nicht jedes Pferd retten. Das ist traurig, aber wahr. Also übe ich mich in Gleichmut und damit wären viele andere auch sehr gut beraten.
Ich habe Glück und einen kleinen aber feinen Privatstall gefunden mit nur wenigen Einstellern.
In einem großen Betrieb oder Reitverein würde ich mich wohl nicht mehr wohlfühlen.

Wir sind doch alle am Stall, um abzuschalten, Spaß zu haben und die Zeit zu genießen.
Schlechte Energie, angespannte Stimmung und Getuschel sollten hier nichts zu suchen haben.
Seien wir doch lieber alle freundlich und offen und hilfsbereit zu anderen. Verbreiten wir gute Gedanken und positive Energie, erfreuen wir uns an der Zeit mit unseren Pferden und konzentrieren wir uns auf uns selbst.

„Toleranz besteht nicht darin, dass man die Ansicht eines anderen teilt, sondern nur darin, dass man dem anderen das Recht einräumt, überhaupt anderer Ansicht zu sein.“ - Viktor Frankl

 

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